Salzburg und Wien: (Post)moderne Architektur zum Nachlesen

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Vorweg, ich bin weder Architekt noch Architekturkritiker. Ich bin ein Neugieriger, ein Schauender, gehe offenen Auges durch die Straßen, staune über Bauwerke und bemerke selbst Kleinigkeiten. Beim urbanen Flanieren begleitet mich meine eigene, geologisch geprägte Sichtweise. Doch die Kenntnis der Dekorgesteine ist aber nur ein Aspekt. Natürlich will ich über die Gebäude, deren Architekten und das Umfeld mehr wissen. Dazu sind jüngst zwei Bücher mit Details und Hintergrundwissen zur Architektur des 20. Jahrhunderts in Salzburg und Wien erschienen.

Salzburgs Architektur als innovatives studentisches Projekt

Der Architekturführer zur Landeshauptstadt Salzburgs, "Moderne Architektur in Salzburg", herausgegeben von Matthias Weiß vereint 75 Bauwerke an 73 Standorten. Das Besondere an dem schön gestalteten Buch mit Fotos von Hubert Auer ist der Ansatz: "Es handelt sich um den Ertrag dreier Seminare, die vom Sommersemester 2022 bis Sommersemester 2023 an der Abteilung Kunstgeschichte der Universität Salzburg unter Leitung vom Matthias Weiß stattfanden", so ist es Vorwort zu entnehmen. Die 23 Autoren und Autorinnen, ihres Zeichens Studentinnen und Studenten samt deren Professor, sind namentlich samt Kürzel auf Seite 218 gelistet.

Das Resultat, eine gelungene Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts, beginnt mit der Nummer 01 auf Seite 19 mit der Villa Schall am Rudolfskai 50, die im Jahr 1900 nach Entwürfen von Jakob Ceconi und Karl Pirich gebaut wurde. Den Schlusspunkt bildet Nummer 73 (Seite 208ff), die Wohnanlage Maxdorf in der Kleßheimer Allee 21–27, nach einem Entwurf von Ernst Gisel, geplant von Heinz Resmann und Robert Schinlmeier, gebaut in den Jahren 1994 bis 1996.

Von Villen über Kirchen bis zur Naturwissenschaftliche Fakultät

In seinem einleitenden Beitrag "Lauter 'schiache' Häuser? Salzburgs missachtete Modernen" (Seite 11 bis 16) skizziert Weiß Meilensteine der Salzburger Architektur. Herausgegriffen sei der Volksaltar in der 1956 fertiggestellten Pfarrkirche Parsch (Nummer 31), die schon vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965) über einen Volksaltar verfügte. Was damals vielfach auf Kritik stieß, wird heute "hochgeschätzt" und als innovativ betrachtet.

Die Eckdaten, wie Name, Adresse, Architekt und Entwurf finden sich jeweils einleitend, dazu kommen aktuelle und gelegentlich auch historische Bilder. Erläuternde Bildunterschriften sucht man vergebens, wenngleich man sie aus den inhaltsreichen, gut recherchierten Textbeiträgen ableiten kann. Hier finden sich vielfach auch Informationen über die Auftraggeber der Bauwerke, die damit eine weitere Ebene der Salzburger Lokalgeschichte eröffnen.

Das Spektrum der Bauwerke ist vielfältig, neben, Villen, Wohnbauten, Kirchen und Garagen findet sich auch das ORF-Landesstudio von Gustav Peichl (Nummer 56) und die Naturwissenschaftliche Fakultät der Universität Salzburg (Nummer 63) wo Architekt Wilhelm Holzbauer als Architekt federführend war und auf den lokalen Untersberger Marmor, als Dekorgestein setzte.

Wiens Postmoderne aus der Sicht zweier Kenner

Anders als in Salzburg haben sich für das Buch "Eulen, Säulen, Palmen – Postmoderne Architektur in Wien" zwei erfahrene Autoren, Sebastian Hackenschmidt (Text) und Stefan Oláh (Fotos) gefunden.

Zur Frage nach der Postmoderne findet sich einleitend ein bemerkenswerter Satz, der als Leitfaden und Schlüssel zum Verständnis verstanden werden kann. "Was die postmoderne Architektur in Wien auszeichnet, ist ihr Geschichtsbewusstsein. Der Rückgriff nicht nur auf die formalen, sondern auch auf die inhaltlichen Errungenschaften der modernen Wiener Architektur aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat vielen Architekt:innen in der zweiten Hälfte zur Orientierung gedient." Somit beginnt das erste der sechs Kapitel, "Die Architektur der Wiener Moderne – Eine Postmoderne avant la lettre?" mit einem historischen Rückblick auf Granden wie Otto Wagner, Adolf Loos, Rudolf Perco, Max Fabiani und Joseph Maria Olbrichs, dessen Sezession Olah frontal (Seite 25) und mit dem Detail zweier Eulen (Seite 24) festhält.

PoMo-Clasher: Erst Aufreger dann Wiener Identität

In Kapitel zwei, "Spielarten der Wiener Postmoderne", stellen die Autoren den Begriff "PoMo-Clasher" auf, wobei PoMo für Postmoderne steht; sie meinen damit "Bauten, deren Architektursprache so im Stadtraum wie Fremdkörper wirken läßt." (Seite 34). Als Beispiele nennen sie unter anderem die TU-Bibliothek mit der markanten Eule am Karlsplatz, das 1985 eröffnete Marriott Hotel am Parkring oder das Bundesamtsgebäude in der Radetzkystraße, das 2024 unter Denkmalschutz gestellt wurde. Auch die beiden Museumsneubauten, MUMOK und Leopoldmuseum, auf dem Areal des Museumsquartiers (MQ) würden in diese Kategorie fallen. "Viele PoMo-Clasher erfüllen ihre Zwecke hervorragend und haben es geschafft, markante architektonische Akzente im Wiener Stadtbild zu setzen." (Seite 36).

Hans Holleins Wahl der Gesteine

Hans Hollein, dem einzigen heimischen Pritzker-Preisträger, was in etwa einem Nobelpreis der Architektur gleichkäme, ist Kapitel drei gewidmet. Sein 1990 eröffnetes Haas-Haus gegenüber dem Stephansdom ist ebenso wie die Filiale des einstigen Verkehrsbüros, ein paar Schritte weiter, längst Legende. In dessen Inneren vermitteln Palmen und beige Steinwände aus St. Margarethener Kalksandstein aus dem Burgenland Urlaubsflair. Außen, an der grauen Granitfassade, klebt ein beiger Pilaster aus dem burgenländischen Stein bekrönt mit einem metallenen Palmenkapitell. Auf das gute bearbeitbare Gestein setzte nicht nur Hollein, sondern schon die Römer; es bildet förmlich einen Brückenschlag zum Stephansdom vis-à-vis, der zu großen Teilen aus demselben Material besteht.

Anders bei der Adresse Graben Nr. 26, dessen Fassade ebenfalls ein Werk Holleins aus den frühen 1970ern ist. Er wählte mit Baltik Braun (Handelsname), einen finnischen Rapakivi-Granit, der damals neu am Markt war. Neben der künstlerisch gestalteten Gesteinsader, Geologen würden dazu Kluft sagen, faszinieren mich hier die für den Rapakivi-Granit typischen runden Feldspäte mit ihrem Saum und das hohe Gesteinsalter von mehr als einer Milliarde Jahre. Auch die Apotheke am Graben Nr. 7. hat eine braune Rapakivi-Granitfassade mit Golddekor. Doch der Baltik-Braun-Hype scheint im 21. Jahrhundert vorbei zu sein.

Von Innenräumen zum Rosaroten Wien

Bei Kapitel vier geht es um museale Aspekte, im Mittelpunkt steht des MAK (Museum für Angewandte Kunst) für das Olah Innenraumgestaltungen, unter anderem von Barbara Bloom (Seite 102f), über Walter Pichler (Seite 113f) bis hin zu Heimo Zobernig (Seite 110f), fotografierte. Vor dem finalen Kapitel sechs, "Das rosarote Wien", wo große Wohnbauanlagen vereint sind, finden sich in Kapitel fünf noch "Innenansichten der Wiener Postmodere". Hier kann man nicht nur Blicke in das Innere diverser Villen, sondern auch in das "Kleine Café" am Franziskanerplatz (Gestaltung Hermann Czech) werfen.

Fazit: "Moderne Architektur in Salzburg" ist ein idealer Architekturführer zum Mitnehmen für Salzburger Stadterkundungen. "Eulen, Säulen, Palmen – Postmoderne Architektur in Wien" bietet profunde Hintergrundinformation und exzellente Bilder zur Wiener Architektur der Postmoderne. (Thomas Hofmann, 21.8.2026).